Friday, 18th October 2019
18 Oktober 2019

Klimastreik durch die Nacht

In Köln demonstrieren junge Aktivisten von „Fridays for Future“ fünf Tage am Stück für mehr Klimaschutzmaßnahmen. Erstmals sogar nachts. DW-Reporterin Mara Bierbach startete zur Dämmerung ihre Spurensuche.

Es ist dunkel geworden auf dem Alter Markt in Köln. Draußen regnet es, im Zelt ist es warm und trocken; die Band spielt gut gelaunten Reggae mit deutschen Texten – „Komm, wir gehen auf eine Reise, eine Reise ins Glück“, in der Mitte des Zeltes dreht sich eine kleine, bunte Diskokugel. Es liegt ein Hauch von Schweiß und Käsefüßen in der Luft. Duschen gibt es hier nicht – nur zwei Dixie-Klos.

Der Vibe ist ein bisschen Musik-Festival, ein bisschen Sommer-Camp, und auch ein klein bisschen Revolution. Die Pflastersteine, die in zahlreichen Tüten unweit des Zeltes liegen, sind aber keinesfalls zum Schmeißen gedacht – sie sollen bei Stürmen die Zelte sichern. Es ist 22 Uhr und der Tag im Protestcamp von Fridays for Future neigt sich dem Ende zu.

„Besser Fehlstunden mit Fridays for Future statt Meilen mit Ryanair“ steht auf einem der zahlreichen Plakate im Camp

Tagsüber gab es hier im Camp – zwischen dem Rathaus, dem großen Springbrunnen und den zahlreichen Bars, Cafes und Souvenirshops – mehrere Workshops, politische Poetry-Slams (Zitat: „Die Wirtschaft ist eigentlich dafür da, dem Menschen und nicht dem Wachstum zu dienen“), und aus gespendeten Zutaten auf großen Gaskochern gekochtes veganes Essen. 

Auf dem Kopfsteinpflaster (un)bequem machen

Gleich werden in den zwei großen Zelten etwa 50 Jugendliche und junge Erwachsene schlafen, die meisten sind Schüler, Studenten und Azubis. Wespe – brünette Dreadlocks, Jeans, roter Schlabber-Kapuzenpulli – ist eine der jüngsten. Sie ist erst 13, wirkt aber wie viele der jugendlichen Teilnehmer hier um einiges älter – reifer und durchdachter als man sich einen frischgebackenen Teenager vorstellt. Ein 30-jähriger „Vollzeitaktivist“ (so beschreibt er sich selbst), der sonst im Hambacher Forst lebt, ist der Camp-Senior. 

Was ist das Ziel dieser Menschen, die es sich in Isomatten und Schlafsäcken auf dem Kopfsteinpflaster der Kölner Altstadt (un)bequem gemacht haben? Sie wollen die Politik in ihrer Stadt, in Deutschland, weltweit, dazu zwingen, die Erderwärmung zu stoppen. Dafür gehen seit Ende letzten Jahres weltweit junge Menschen freitags auf die Straße statt in die Schule oder Uni. Ihr Vorbild: Die 16-jährige schwedische Aktivistin Greta Thunberg, die im August 2018 in den „Schulstreik für’s Klima“ ging.

Im Protest-Camp gibt es vor allem „gerettete“ Lebensmittel aus Geschäften, die sonst weggeworfen worden wären. In der „Küfa“ (=Küche für alle) wird für alle Teilnehmer vegan gekocht.

Gerade in Deutschland – das lange schon eine einflussreiche Umweltbewegung, aber auch eine starke Industrielobby hat – hat die Fridays-for-Future-Bewegung Fuß gefasst. Bundesweit gibt es, so sagen Organisatoren, über 500 Ortsgruppen.

„Wenn Freitage nicht reichen, dann streiken wir die ganze Woche“

Ihre Forderungen sind ambitioniert. Sie wollen, dass Deutschland bis 2030 aus der Kohle aussteigt, und ab 2035 nur erneuerbare Energien nutzt. Bis Ende diesen Jahres soll die Kohlekraft um ein Viertel reduziert und eine Treibhausgassteuer von 180 Euro pro Tonne CO2 eingeführt werden.

Jana Boltersdorf gehört zum Presseteam vom Fridays-for-Future-Camp in Köln

Mit ihrer Aktion wollen sie „die Eskalation auf friedliche Art und Weise höher drehen“, sagt Jana Boltersdorf, eine der Pressesprecherinnen von Fridays for Future in Köln. „Wir fanden die Idee gut: Wenn Freitage nicht reichen, dann streiken wir die ganze Woche.“ Außerdem sei das Camp „ein offener Raum zur Vernetzung, wo wir uns gegenseitig kennen lernen und Zeit miteinander verbringen können,“ so die 17-Jährige.

In Köln gilt der Klimanotstand 

Einen kleinen Erfolg konnten die Aktivisten in dieser Woche bereits feiern: Der Kölner Stadtrat hat am Dienstag den Klimanotstand ausgerufen – als erste deutsche Millionenstadt. Die rheinische Metropole folgt damit dem Vorbild von Paris und London, wo bereits der „Notstand“ gilt. Künftige Entscheidungen sollen nun auf Klimafreundlichkeit geprüft werden. Es gibt allerdings keine bindenden Vorgaben. Deshalb wird der Beschluss des Stadtrates von den Aktivisten kritisch gesehen – er geht ihnen nicht weit genug. 

Zum „harten Kern“ der Fridays for Future-Gruppe in Köln gehören 20 bis 30 Leute, schätzt Sprecherin Leonie Bremer, 22. Einmal die Woche treffen sie sich für ein Plenum, dazu gibt es zahlreiche Arbeitsgemeinschaften, etwa für Pressearbeit, Social Media oder die Organisation des Camps. Fridays for Future sieht sich als basisdemokratisch – sprich: es soll keine steilen Hierarchien geben, alle Beteiligten sollen in Entscheidungen einbezogen werden. In Kontakt bleibt man vor allem digital, meist über die Messenger-Apps Telegram und WhatsApp. 

Zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens gibt es im Camp eine Nachtwache – die soll zum Beispiel sicherstellen, dass aus den Zelten nicht geklaut wird

„Ich habe die letzten Nächte gar nicht geschlafen“

Manche Kritiker sehen streikende Schüler vor allem als Schulschwänzer. „Ich bin immer sehr fassungslos, wenn ich das höre,“ poltert Leonie Bremer. „Es gehört nicht nur dazu, freitags auf die Straße zu gehen und zu streiken. Es gehört so viel mehr dazu.“ Viele der Aktivisten, sagt sie, opferten oft ihre ganze Freizeit für Fridays for Future, und fügt hinzu: „Ich habe die letzten Nächte gar nicht geschlafen – vielleicht eine Stunde oder zwei.“ 

Fridays-For-Future-Sprecherin Leonie Bremer studiert Umwelt- und Energiewissenschaft

Luca, 17, sagt, sie habe bei Fridays for Future mehr gelernt als in den letzten zwei Jahren Schule: „Es gibt immer wieder Workshops, es gibt Projekte, es gibt Vorträge über alle möglichen Themen – Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Ernährung, Politik. Und einfach dadurch, dass man hier mitmacht, lernt man unglaublich viel – auch was Selbstständigkeit angeht, Organisation, Absprache mit anderen Menschen. Man lernt für seine Meinung einzustehen und über die Meinung anderer reflektieren zu können.“ Trotzdem bleibt sie nicht über Nacht. Sie muss morgen früh raus, zur Schule – die Schulleitung sei streng, toleriere keine Fehlstunden, sagt sie. Also verbringt sie nur den Nachmittag und Abend im Camp. 

Es ist etwa Mitternacht, als sie sich auf den Weg zur Bahn macht. Viele der Aktivisten sind da schon schlafen gegangen. Der Himmel ist klar, die Bars sind leer, die Touristen sind weg, hier und da unterhalten sich noch ein paar Aktivisten-Grüppchen. Über den Alter Markt wummern sanft die Bässe von Trancemusik, die irgendjemand am Rande des Camps hört.

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